Nochmals: Besprechung Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Zwischen Freiheit und Sklaverei durch indoktrinierte Seelenqual

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Nochmals: Besprechung Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Beitragvon gavagai » 21.04.2008, 14:13

Unter http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=11812&ausgabe=200804 bespricht Karl Eibl, Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der LMU München, Richard Dawkins: Der Gotteswahn. Die Diskussion dazu ist noch überschaubar.
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Re: Nochmals: Besprechung Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Beitragvon ric » 29.07.2008, 08:25

Mal was witziges.
In der dotNetPro einer Microsoft-Entwicklerzeitschrift wird das Buch von Dawkins explizit zum lesen empfohlen. :D
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Re: Nochmals: Besprechung Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Beitragvon Maude » 20.04.2009, 09:32

hier eine interessante Kritik 8-)

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Re: Nochmals: Besprechung Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Beitragvon ric » 20.04.2009, 12:00

Maude hat geschrieben:hier eine interessante Kritik 8-)

Brightsblog
Ist es schlimm, wenn ich diese Kritik nicht interessant finde?

Du hast doch vor kurzem einen Artikel verlinkt in dem ein Redakteur des Kulturressorts seine Felle davon schwimmen sah?
In genau diese Kategorie gehört meiner Meinung nach diese Kritik.
... Indem er die „Existenz Gottes“ als „eine wissenschaftliche Hypothese“ bezeichnet, die „wie jede andere“ (Buch, Seite 72) prinzipiell empirisch überprüfbar sei, lässt er sein Unverständnis erkennen für die wesentliche Differenz zwischen einzelwissenschaftlichen Hypothesen und metaphysischen Hypothesen. Die Existenz Gottes ist aber als eine metaphysische Hypothese weder beweisbar noch widerlegbar. ...

Diese zwei Aussagen stellen sehr schön heraus, welche Rückzugsgefechte die Philosophie heute führt.
Im Prinzip werden so metaphysische Aussagen auf das selbe Niveau heruntergesetzt wie religiöse, und dann ein Kuschelraum eingefordert in dem die bösen Wissenschaftler nichts zu suchen haben.
So schafft man es die Philosophie in eine Nische zu setzen, in der sie jegliche relevanz verliert.

Dabei wäre es wichtig, dass die grundsätzlichen philosophischen Fragen stets das aktuelle wissenschaftliche Wissen mit einbeziehen.
Eine der Grundfragen "Woher kommen wir" ist meines Erachtens von der Evolutionsbiologie hinreichend beantwortet. Diese Erkenntnis in die Fragen "Was soll ich tun?", "Was ist der Mensch?", "Was kann ich erkennen?" zu transferieren, das leisten heute nicht die ausgebildeten Philosophen, sondern größtenteils Wissenschaftler, die sich einen philosophischen Hintergrund aufgebaut haben.
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Re: Nochmals: Besprechung Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Beitragvon nickpol » 20.04.2009, 15:17

ric hat geschrieben:Eine der Grundfragen "Woher kommen wir" ist meines Erachtens von der Evolutionsbiologie hinreichend beantwortet

Von welcher Evolutionsbiologie? Ich kenne mindestens ebensoviele Auffassungen dazu, wie es Lehrstühle für Evo-Biologie gibt. :lol:
Edward O. Wilson hat geschrieben:Die Skeptiker fahren fort, den Glauben zu erhalten, dass die Wissenschaften und Bildung Religion vertreiben können, weil sie meinen, die Religion sei ein Papiertaschtuch an Illusionen.
Heute sind Wissenschaftler und Gelehrte in Gruppen organisiert, wie etwa die American Human Society oder das Institute on Religion, sie geben kleine Zeitungen und Magazine heraus, um Kampagnen zu organisieren, die den christlichen Fundamentalismus, Astrologie und Immanuel Velikowsky in Mißkredit bringen sollen. Ihre knackigen, logischen Vorbehalte, einschließlich die gesamte Arroganz der Nobelpreisträger, durchdringen das Problem wie ein Stahlmantel-Geschoss einen Frosch.
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Re: Nochmals: Besprechung Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Beitragvon ric » 20.04.2009, 15:35

nickpol hat geschrieben:Von welcher Evolutionsbiologie? Ich kenne mindestens ebensoviele Auffassungen dazu, wie es Lehrstühle für Evo-Biologie gibt. :lol:
... Die sich in Details, aber nicht im Grundsatz unterscheiden.
Edward O. Wilson hat geschrieben:Die Skeptiker fahren fort, den Glauben zu erhalten, dass die Wissenschaften und Bildung Religion vertreiben können, weil sie meinen, die Religion sei ein Papiertaschtuch an Illusionen.
Heute sind Wissenschaftler und Gelehrte in Gruppen organisiert, wie etwa die American Human Society oder das Institute on Religion, sie geben kleine Zeitungen und Magazine heraus, um Kampagnen zu organisieren, die den christlichen Fundamentalismus, Astrologie und Immanuel Velikowsky in Mißkredit bringen sollen. Ihre knackigen, logischen Vorbehalte, einschließlich die gesamte Arroganz der Nobelpreisträger, durchdringen das Problem wie ein Stahlmantel-Geschoss einen Frosch.

Der gleiche Edward O. Wilson schreibt auch in "Die Einheit des Wissens":
Edward O. Wilson hat geschrieben:Nach dieser Vorrede bleibt mir nun natürlich gar nichts anderes übrig, als meine eigene Position klarzustellen: Ich bin Empirist. Was Religion betrifft, so tendiere ich zum Deismus, halte es aber für ein Problem der Astrophysik, die Gültigkeit seiner Aussagen zu beweisen. Die Existenz eines kosmologischen Gottes als Schöpfer des Universums, der nicht in das Diesseits eingreift, sich nicht offenbart und kein persönlicher Gott ist, ist möglich und könnte eines Tages durch heute noch unvorstellbare materielle Fakten bewiesen werden. Ebenso möglich ist natürlich, daß sich diese Frage der Vorstellungskraft des Menschen auf alle Ewigkeit entziehen wird. Die theistische Annahme eines biologischen, persönlichen Gottes, der die organische Evolution lenkt und in das Diesseits eingreift - was für die Menschheit ja von weit größerer Bedeutung wäre -, steht jedenfalls zunehmend im Widerspruch zu den Erkenntnissen der Biologie und der Hirnforschung.

Diese Erkenntnisse sprechen meiner Meinung nach außerdem durchweg für einen rein materiellen Ursprung von Ethik, und sie werden auch dem Kriterium für die Vernetzung gerecht: Die Kausalerklärungen für die Entwicklung und Aktivitäten des Gehirns sind zwar noch nicht perfekt, aber sie erfassen bereits die meisten vorliegenden Fakten über moralisches Verhalten, und zwar mit größter Genauigkeit und unter Hinzuziehung äußerst weniger freischwebender Prämissen. Das ist zwar eine relativistische Vorstellung, also vom persönlichen Blickwinkel abhängig, aber deswegen muß sie nicht gleich unverantwortlich sein. Denn mit Bedacht weiterentwickelt, führt sie auf direkterem und besser gesichertem Wege zu wertbeständigen moralischen Werten als der Transzendentalismus, der, wenn man genauer darüber nachdenkt, letztlich auch relativistisch ist
Das könnte sinngemäß auch von Richard Dawkins stammen, wenn er es auch weniger höflich formulieren würde. Das ist übrigens der Hauptvorwurf an Dawkins den ich in vielen Kritiken herauslese. Er ist so unhöflich. :lol:

P.S.: Ich finde es übrigens witzig, dass Du einen (herausragenden) Biologen zur Stützung ... ja welcher Position eigentlich? ... heranziehst.
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Re: Nochmals: Besprechung Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Beitragvon nickpol » 20.04.2009, 15:51

ric hat geschrieben:P.S.: Ich finde es übrigens witzig, dass Du einen (herausragenden) Biologen zur Stützung ... ja welcher Position eigentlich? ... heranziehst.

Deiner schon fast "absoluten" Aussage, der Evolutionsprozess, könne zum heutigen Zeitpunkt erklären wo wir herstammen. So stringent würde ich das nicht formulieren. Mit der Evolution kann man etliches erklären, aber genau so vieles eben nicht. Damit wir uns nicht falsch verstehen. Ich betrachte die Welt rein naturalistisch und entnehme deinem Kommentar einen Standpunkt der Brockman's "Dritter Kultur" entlehnt scheint, den ich anerkenne. Ich sträube mich aber gegen Aussagen, die in meinen Augen in die falsche Ecke zielen, da sie unseren Gegnern Vorlagen für eine Argumentation gegen uns! liefern. Und wenn du von Evolutionstheorie sprichst, so kenne ich mindestens 5, die alle so falsch nicht sind, aber anderen Erklärungsmodellen zu grunde liegen. Schlussendlich überschauen wir ca. 550M Jahre, da bleiben noch ein paar Milliarden Jahre der chemischen Evolution.
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Re: Nochmals: Besprechung Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Beitragvon gavagai » 20.04.2009, 15:59

ric hat geschrieben:
... Indem er die „Existenz Gottes“ als „eine wissenschaftliche Hypothese“ bezeichnet, die „wie jede andere“ (Buch, Seite 72) prinzipiell empirisch überprüfbar sei, lässt er sein Unverständnis erkennen für die wesentliche Differenz zwischen einzelwissenschaftlichen Hypothesen und metaphysischen Hypothesen. Die Existenz Gottes ist aber als eine metaphysische Hypothese weder beweisbar noch widerlegbar. ...

Diese zwei Aussagen stellen sehr schön heraus, welche Rückzugsgefechte die Philosophie heute führt.
Im Prinzip werden so metaphysische Aussagen auf das selbe Niveau heruntergesetzt wie religiöse, und dann ein Kuschelraum eingefordert in dem die bösen Wissenschaftler nichts zu suchen haben.

Servus Ric,
das sehe ich anders. Kahl trifft mit seiner Kritik schon. Ob er exakt trifft und wo er Dawkins ungenau gelesen hat, ist eine zweite Frage (die sich vielleicht aus meinen Anmerkung teilbeantwortet).
Die Existenz Gottes als eine wissenschaftliche Hypothese ist nicht soo klar. Dawkins hat IMO dann recht, wenn er als Prämisse hinzunimmt (was die meisten Religiösen tun): Gott wirkt auch heute noch im Universum, insbesondere auf der Erde. Diese Wirkung ist per Wortbedeutung etwas, was man nachweisen können muss und damit der Wissenschaft zugänglich.
Andrerseits kann man sich auch Sachen (oder Götter) ausdenken, die man – z.B. mit Wendungen, die auch Kahl benutzt – der Wissenschaft entzieht. Wenn man die Existenz Gottes so sieht, dann gilt: Die Existenz Gottes ist aber als eine metaphysische Hypothese weder beweisbar noch widerlegbar. Machen es nicht Buddhisten so oder so ähnlich?
Rückzugsgefechte die Philosophie: das ist nun verengt gegenüber der Philosophie. Die meisten akademischen Philosophen (sieht man sich deren Aufsätze und Bücher und Lehrpläne an) sind heute Physikalisten, Monisten, Naturalisten oder wie immer man es tituliert. Sie haben in der Gottesexistenzfrage keine Rückzugsgefechte nötig. AFAIK ist Kahl mind. Agnostiker. Das schließt nicht aus, dass man manchmal den Theisten argumentativ zur Seite steht.
Niveau der metaphysische und religiösen Aussagen: sind nicht die religiösen Aussagen nach deinem Einwurf zu urteilen in deiner Sicht metaphysische Aussagen? (Ich verstehe unter metaphysische Aussagen, solche, die etwas über die Naturwissenschaft hinausgehendes, empirisch nicht nachweisbares, transzendentes .... aussagen. (keine Reihung von Gleichem, sondern ich habe verschiedene Blickwinkel hingeschrieben)). Unser gesamtes Wissen, Wesen etc. benötigt metaphysische Annahmen.
Ich nehme an, dass ein Baum, nachdem der LKW dran vorbeifuhr, derselbe ist, wie vorhin und dass er – als ihn keiner wahrnahm – auch da war (im Gegensatz zu George Berkeley, der die genau andere Annahme traf). Nur 1 Beispiel für eine grundlegende metaphysische Annahme. Ähnlich ist es mit der Existenz Gottes. (ich persönlich halte die 1. Annahme für einfacher als die Berkeleys und als die Annahme der Existenz von Göttern). Doch es gibt halt Leute, denen bringt es was, wenn sie an die Existenz von Göttern glaubt. Das macht ihr Leben einfacher. Und man muss es sogar zugestehen: wäre es nicht einfacher, alles was der Ratzinger sagt für bare Münze zu halten? Nachdenken überflüssig.
Genug, ich wollte nur die Besprechung Kahls, die ich für sehr durchdacht halte, der ich aber nicht überall zustimme, rehabilitieren.
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Re: Nochmals: Besprechung Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Beitragvon Maude » 21.04.2009, 07:49

Für Tausende von interessierten Lesern wurde „Sofies Welt“ zum Türöffner hin zu weitergehenden Fragestellungen – unbeschadet seiner erheblichen theoretischen Defizite.


Analog verhält es sich heute mit Richard Dawkins’ Buch „Der Gotteswahn“ (Berlin, 2.Auflage, 2007). Dank seines Gespürs für medial aufbereitete plakative Parolen hat der britische Biologe viele Leser – offenkundig erstmals – mit Thesen und Hypothesen, Analysen und Polemiken atheistischer Religionskritik konfrontiert. Den mangelnden philosophischen Tiefgang sowie die unzureichende historische Einbettung der oft langatmigen Darlegungen erkannten Dawkins- Enthusiasten zunächst nicht. Der großspurig als „neu“ etikettierte Atheismus schlug in Wahrheit kein neues Kapitel in der langen Geschichte von Religionskritik und Atheismus auf. Kann es doch wirklich neue Ideen und Einsichten auf diesem Felde kaum mehr geben. Gleichwohl hat Dawkins mit seinem „Gotteswahn“ die Aufmerksamkeit der Medien sowie hartnäckig suchender Einzelpersonen auch auf andere, durchdachtere Spielarten von Religionskritik gelenkt und damit dem säkularen Spektrum der Gesellschaft einen gewissen Dienst erwiesen.


meine Beobachtung, auf Grund von Unterhaltungen mit Menschen, die das Buch gelesen haben, ist, dass im Gegensatz zu Sofies Welt, Dawkins Buch eine gewisse Aggressivität entstehen ließ.
und zwar auf beiden Seiten.
die gläubigen Schäfchen schreien um so mehr und verteidigen ihren Glauben.
dadurch ist es oft nicht möglich eine sachliche Diskussion zu führen, weil die Seiten zu verhärtet sind.
was mir ebenso aufgefallen ist, dass die sogenannten "neuen Atheisten" Strukturen entwickeln, die eben dem Religiösen sehr ähnlich sind.
das ist halt nicht mein Ding, das habe ich in den letzten Jahren erkannt, deshalb habe ich mich ja schon sehr früh von der Kirche und von dem Kinderglauben gelöst. :deep:

Provokation ist jedoch sehr wichtig und ich bin froh, dass Dawkins mit diesem Buch Menschen erreicht hat, die sich bisher noch nicht so intensiv mit dem Thema beschäftigt haben.
wer steigt schon mit Feuerbach oder Deschner ein.......


2. Feuerbachs dialektischer Ansatz, der Religion entziffert und entzaubert, erklärt und kritisiert


Die alarmistischen Töne und plakativen Parolen eines Richard Dawkins mögen kurzfristig mediale Aufmerksamkeit erzeugen. Der klassische religionskritische Ansatz Ludwig Feuerbachs, ergänzt um die Toleranzidee Lessings in der Ringparabel, ist produktiver und plausibler als der „neue Atheismus“, der der Janusköpfigkeit von Religion und ihrer Entwicklung nicht gerecht wird.
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Re: Nochmals: Besprechung Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Beitragvon nickpol » 21.04.2009, 09:04

Dawkins "rocking the boat" ist in meinen Augen zu aggressiv. Er hatte das Buch "Der Gotteswahn" ja noch mit der Intention geschrieben, gläubige Menschen vom Gegenteil überzeugen und sie zu einem naturalistischen Weltbild zu führen. Das ist gründlich gescheitert. Dawkins hat letztlich erreicht, dass sich die Fronten verhärten und die Menschen polarisieren. Seit ungefähr einem Jahr hat er sich auf agnostische Positionen zurückgezogen.
Bei den "Neuen Atheisten" , wie z.B. MSS, sind die ideologischen Aspekte vordergründig, Wissenschaft verkommt zum Werkzeug, um ideologische Positionen zu untermauern. Genau das ist Wissenschaft nicht. Dem Mißbrauch von Wissenschaft wird eine gewisse Priorität eingeräumt. Der evolutionäre Humanismus der GBS, schließt eben jene Humanisten aus, die sich nicht auf die Positionen desselbigen begeben wollen oder können. Der rationale Diskurs wird umgangen, so sieht MSS einen "Kulturkampf" mit religiösen Institutionen als möglich an. Die evolutionär-humanistische Leitkultur wird es nicht geben, widerspricht sie doch, einer pluralistischen, kritischen Auseinandersetzung in sozialer und kultureller Hinsicht auf unsere Umwelt.
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Re: Nochmals: Besprechung Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Beitragvon gavagai » 21.04.2009, 10:03

Servus,
ich gebe euch schon recht: in Manchem ist Dawkins Gotteswahn zu aggressiv und er schießt übers Ziel hinaus.
Andrerseits verteidige ich ihn gegen den Vorwurf des aggressiven missionarischen Eiferers wie folgt: er tut damit nur das, was andere seit Jahrhunderten (oft unter Mord und Totschlag) tun: er will missionieren. Im Hinblick darauf, dass die Gegenseite enorme Menschenanzahl und Kapital in die Missionierung Andersgläubiger steckt, finde ich diesen Vorwurf scheinheilig und verfehlt.
Zum Begriff "neuer Atheismus": steht dieser Anspruch echt in Dawkins Gotteswahn? Wenn ja, welches Kapitel oder Seite? Ich habe den Eindruck, dass man einerseits Dawkins, Hitchens etc. vorwirft einen Neuen Atheismus aggressiv zu vertreten, andrerseits vieles mit "alter Kaffee" nicht mal der Mühe zu beantworten wert findet.
Ich meine: die Gegenseite schäumt auch so, weil es bis vor wenigen Jahrzehnten fast nicht möglich war ein populäres religionskritisches Buch zu verbreiten. Jetzt fragt sich so mancher Kaplan: "Ja dürfen die sowas überhaupt schreiben?"
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Re: Nochmals: Besprechung Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Beitragvon Maude » 21.04.2009, 10:05

Nickpol, da kann ich Dir nur Recht geben. :P

die GBS erscheint mir jedoch unter den "neuen Atheisten" (was für eine bescheuerte Bezeichnung :autschi: ) nicht so aggressiv und versucht eben mit wissenschaftlichen Erkenntnissen (und nicht nur mit diesen, siehe auch Carsten Frerk) auf sich aufmerksam zu machen.
und MSS ist mehr als der Humanistische Leitfaden.
das Ferkelbuch z.B.

ich kenne einen jungen Mann, der früher öfters zum Stammtisch gekommen ist und sich dann plötzlich als "Brights" bezeichnete und von nun an mit Kirchenkritik nichts mehr zu haben zu haben wollte, da er ja jetzt ausschließlich nur noch auf die Wissenschaft vertraute..... 8-)

Rebecca, hast Du noch irgendwo den Vortrag von MSS in München? :P
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Re: Nochmals: Besprechung Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Beitragvon Rebecca E. » 21.04.2009, 10:23

@Maude.

Maude hat geschrieben:Rebecca, hast Du noch irgendwo den Vortrag von MSS in München? :P


Klar! 8-)

Schluss mit blöde (OggVorbis)

Als größere Datei, aber mit schlechterer Audioqualität da mp3:

Salomon.mp3 (mp3)
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Re: Nochmals: Besprechung Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Beitragvon nickpol » 21.04.2009, 10:56

Ich habe mir einen kompletten Vortrag vom MSS zum Thema "Glaubst du noch oder denkst du schon?" Das Problem der halbierten Aufklärung angehört. Den ganzen Vortrag habe ich sowohl als mp3, als auch im ogg.vorbis Format vorzuliegen.(in guter Qualität.32MB, bei Interesse, kann ich die gerne hier einstellen lassen, vlt ist Rebecca ja so nett oder einer der Admins.)
Hier mein Resümee, welches ich für einen Interessenten geschrieben habe:
Der Bund für Geistesfreiheit Erlangen hatte eingeladen, der Vortrag war sehr gut besucht und wurde zu einer Provinzposse sondersgleichen. Aber dazu später mehr.
Die Vorstellung von MSS durch den Vors. des bfg Erlangen gestaltete sich zu einer Art Arschkriecherei, die so nicht nötig gewesen wäre. Dass man dabei Werbung macht ist klar und seine Bücher anpreist auch, die Art und Weise war aber etwas "klebrig".

Mit dem Ferkelbuch fing es an, von der Leyen wollte es indizieren, was so nicht stimmt. Eine, ihrem Ministerium unterstellte Behörde hat das Buch entsprechend in das Auswahlverfahren zur Inizierung gestellt, vdL trägt insofern die Verantwortung als das sie die unmittelbare Vorgesetzte dieser Behörde ist. Aber OK. Die sachlichen, fachlichen und argumentativen Ungenauigkeiten sollten aber noch viel stärker zum Ausdruck kommen.
These: "Der evolutionäre Humanismus soll das friedliche und gleichberechtigte Leben der Menschen gewährleisten:"
Angesichts des Gesagten sind mir hier erhebliche Zweifel gekommen. Religionskritik der alten Sorte, die Bibel ein Sammelsurium kriminellen Tuns der Mächtigen in der Vergangenheit, Gegenwart und zukünftig. Bingeners Artikel in der FAZ "Die Agenda des Neuen Atheismus" wurde in der üblichen Art und Weise demontiert, getreu der Auffassung, was hat uns ein religiöser Mensch schon zu sagen. Mit solch aggressiver Argumentation kann man eben nicht das friedliche und gleichberechtigte Zusammenleben der Menschen in unserer Gesellschaft als Stiftung organisieren.
Immer wieder kamen die alten, abgedroschenen Nazi-Vergleiche, ohne die scheint es ja wohl nicht zu gehen.
Gliederung:

1. Die fundamentalen Kränkungen der Menschheit
2. Die Legenden von den christlichen Werten
3. Die halbierte Aufklärung

zu Erstens
Die üblichen Aussagen zur "kopernikanischen Kränkung", "Darwinsche Kränkung" und die "Tiefenpsychologische Kränkung". Eine völlig unkritische Betrachtung der Leistungen von Freud. Hier hätte ich mir mehr gegensätzliche Argumentation von ihm gewünscht. Weil eben Freud heute nicht mehr unkritisch gesehen werden kann. Allein sein "Ödipus-Komplex" hat sich als eine Luftnummer erwiesen, lax formuliert und etliches andere auch. Als Sinn und Zweck der Argumentation von MSS sehe ich, dass man theoretische Konzepte benutzt, wie man sie am besten in die eigenen Auffassungen transportieren kann. Alles dient der Untermauerung der eigenen Weltsicht, die kritische Auseinandersetzung erfolgt nur bei den Anderen, den "Religiösen", die man auch gleichzeitig als Feind behandelt. Insofern ist die Herangehensweise nicht akzeptabel, weil unwissenschaftlich und schon gar nicht abstrakt-philosophisch. Wissenschaftstheoretisch ist das Konzept, so wie vorgetragen, nicht haltbar.
Hier wäre noch zu ergänzen, dass er sich zur Thematik Vollmers, über die Ethik in den Naturwissenschaften, besonders unter dem Aspekt des sozialen Mesokosmos' nicht näher ausgelassen hat, wäre nötig gewesen.

Die "Entzauberung des Menschen" hat sich nur auf wissenschaftlicher Ebene vollzogen, keine Assoziationen zur Problematik der Kultur, der Soziologie, der Ökonomie, letztere als eigentliche Triebkraft menschlicher Entwicklung wurde vollständig ausgeklammert. Eine naturalistische Erklärung warum Religionen entstanden sind hätte ich mir gewünscht, historisch, ökonomisch, kulturell, sozial. Gehört habe ich ein Konglomerat oder Exzerpt aus seinem Buch "Evolutionärer Humanismus". Platt, das Ganze.
Seine Ausführungen zur Thematik Kreationismus und Intelligent Design waren so schlecht, dass mir schlecht wurde. Er konnte froh sein, keinen Junker oder Scherer im Vortrag gehabt zu haben, die hätten ihm seine Argumente um die Ohren geschmissen. Bei mir ist deshalb der Eindruck entstanden, mit den provinziellen Franken kann man es ja machen. Sein Niveau kann man mit den Aussagen eines [C]Arrowman auf dem Blog gleichsetzen. Entsprechend flach war die Rhetorik zum ID, die Zuhörer wurden eigentlich mit dieser Problematik im Regen stehen gelassen. Kernaussage, ID-Theorie ist FALSCH!, weil unwissenschaftlich, Punkt, Ende der Durchsage.
Dann kam das Übliche, kosmologische Feinabstimmung, (finalistischer Fehlschluss), hier wieder einmal ein paar A. Hitler Bezüge, was wäre wenn, dann der Gottesbeweis und Ockhams Rasiermesser.
O-Ton: "Wenn Jesus von den Toten auferstehen kann, dann kann das auch Elvis Presley oder Charles Darwin".
Die intellektuelle Gefährdung durch "echten Glauben". Hier hat er völlig ausgeblendet, dass es hervorragende Wissenschaftler gab und gibt, die gläubig waren/sind und erstklassige wissenschaftliche Arbeit geleistet haben. Nicht ein Gedanke, ein Hinweis diesbezüglich.
Die GBS und natürlich er halten einen Kulturkampf! mit den Gläubigen für möglich, hier zieht er insbesondere den Kreationismus mit ein. Bei solcher Argumentation frage ich mich ernsthaft, wohin soll die Reise gehen, wenn man sich schon inhaltlich auf einen Huntington bezieht.
Selbst, also die GBS und MSS halten eine atheistische Spiritualität für möglich, man befände sich hier im Einklang mit den Auffassungen von Dawkins und Sam Harris. Diesbezüglich habe ich den Verdacht, dass es sich dabei nur um dropping names handelt. Man will sich mit den Zugpferden des "Neuen Atheismus" verbünden und holt diese ungefragt, unkritsich mit ins Boot.
Über die in der Bibel geschilderten Verbrechen lasse ich mich jetzt nicht aus, das ist nicht meine Ebene der Argumentation. Was MSS nicht hindert selbiges zu tun.

zu Zweitens
Kurz, die alte Leier, die alten Argumente, Religionen haben den Wissenschaften nichts entgegen zusetzen. Die religiösen Quellentexte stehen weit unter dem Mindestniveau einer jeden halbweg zivilisierten Gesellschaft.
Erwähnenswert fand er den Einfluß der Orthodoxie in Russland, mit ausgeprägtem Antisemitismus. Hier entwickelt er Feindbilder, wie sie in den Medien üblich sind. Russland gilt es einzudämmen, von der NATO ist es ja schon umzingelt.

zu Drittens
Fatale Konsequenzen ergeben sich aus dem Zusammenspiel Religion(Islam) und der Handhabung von Hightech. Hier wurde das Bild des Iranischen MP gezeigt, war ja klar. Hätte mich ja auch gewundert, wenn er auf den Idioten Bush eingegangen wäre.
Religiöser Fundamentalismus darf nicht in den Besitz von Hightech kommen, mittelalterliche Weltanschauungen haben nichts mehr verloren in unserer heutigen Zeit.
Wer Aufklärung nur wissenschaftlich betreibt, betreibt sie nur halbherzig, Aufklärung muß auch weltanschaulich erfolgen.
Selbstmordattentäter sind ein Ausdruck des religiösen Fundamentalismus, so einen Schwachsinn gibt er dann von sich.

Die Diskussion habe ich mir dann nicht mehr angetan, 2 Fragen habe ich noch mitbekommen, da ist mir grottenschlecht geworden, in dem Bewusstsein noch 400km mit dem Auto vor mir zu haben, bin ich abgehauen.
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Re: Nochmals: Besprechung Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Beitragvon Maude » 21.04.2009, 12:33

@ Nickpol

das ist das was die Meisten eben hören wollen.
mit dem was Du schreibst wären doch die Leute in Erlangen überfordert gewesen. 8-)
MSS versteht sich zu präsentieren :wink:
geschleimt wird in München nicht, dafür kennen die Vorstände die Leute zum Teil schon zu lange.
aber ich kann es mir sehr gut vorstellen. :mrgreen:
das sind die Strukturen bei denen mein Rebellenherz sofort NEIN schreit.
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aber diese geistige Hierarchie wirst Du überall finden.
auch bei den Naturwissenschaftler ist z. B. ein Kanitscheider ein kleiner Gott, von dem ganz erfürchtig geredet wird 8-)
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Re: Nochmals: Besprechung Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Beitragvon nickpol » 21.04.2009, 18:27

Maude hat geschrieben:[...]das sind die Strukturen bei denen mein Rebellenherz sofort NEIN schreit.
ich brauche keine Gurus, Scotts und lila Einhörner.

Sehe ich auch so. Ich bin mir zu schade, um mich den Eitelkeiten einiger Großmäuler zu unterwerfen. Und ich habe erhebliche Zweifel, dass die wissenschaftliche Creme, im Vorstand der GBS so mitbekommt, was da alles im Hintergrund läuft.
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