Aus der Religion sollte man sich nur "das Gute" he

Zwischen Freiheit und Sklaverei durch indoktrinierte Seelenqual

Moderatoren: Zebra, Maude, Moderation

Aus der Religion sollte man sich nur "das Gute" he

Beitragvon Rebecca E. » 07.06.2008, 08:32

Mein Mann schob mich in unseren Teeladen unseres Vertrauens, der von einem indisch abstammenden und gestandenen Händler betrieben wird.

Irgendwie kam unser Teehändler auf Religion. Seine Aussage:

Nimm nur das Gute von den Religionen an.

Noch im Hinterkopf den Vortrag der Religionsfreien Zone von Prof. Dr. Günther Kehrer "Der Religionen-TÜV - Die Welt-Religionen und das ‘Problemfeld’ Menschenrechte" war ich also bestens im Bezug auf den Hinduismus und den Buddhismus gerüstet. :engel:

Als unser freundlicher Teehändler also die Aussage mit der Annhame des Guten aus der Religion vorschlug, bat ich nur darum, das er mir das Gute mal schildern würde. :-)

Er vermochte es nicht, weil er nicht darauf vorbereitet wäre. Und ihm viel auch nichts (absolut nichts) dazu spontan ein.

Ich erwiederte dann, das der Hinduismus die frauenfeindlichste Religion sei, und das ja alles Übel dieser Welt von der Frau kommen würde. Und dann erwähnte ich noch das Kastensystem.

Daraufhin erzählte er ziemlich aufgewühlt und beherzt einige Details aus dem Indien wie er es kannte und kennt. Er sprach davon, dass das Kastensystem junge Paare daran hinderte aus Liebe und Zuneigung zu heiraten. Er sprach von arrangierten Ehen und was daraus wird wenn die Eltern der Braut kein Schutzgeld für die Tochter an die Familie des Sohnes bezahlen (übergießen mit Benzin und bei lebendigen Leibe verbrennen). Er erzählte davon das die niedrigste Kaste mit Spucknäpfen um den Hals herumlaufen mußte und kein Wasser aus dem Brunnen holen durfte (wegen verunreinigung des Brunnens). Er erwähnte wie froh er war, das der indische Staat endlich das Verbrennen von Witwen verboten hat und das er sich wenigstens in diesem Punkt offen auf die Seite der Menschenrechte schlug.

Jedesmal wenn er menschenrechtswiedrige Zustände anprangerte war er heilfroh das diese inhumanen Zustände die die Religion geschaffen hatte vorbei waren. Er haßte diese Zustände die die Religion geschaffen hatte leidenschaftlich; und seine Augen leuchteten voller Bewunderung wenn er davon berichtette das es junge Frauen gibt die gegen das verbrennen von Frauen vorgingen. Und er war Stolz darauf, das er für sich die Fesseln der Religion gesprengt hatte und das er und seine Familie niemals eine Mitgift der Braut haben wollte.

Irgendwann wurde ihm bewußt, das er die ganze Zeit über die unschönen Seiten von Indien erzählte, und woher das kam. Der Groschen fiel. Er hat den Hinduismus selbst entlarvt und ihm war klar, wer der Nutznießer dieses inhumanen Systems war und ist.

Dann beendete er das Gespräch.

Und wir verließen darauf hin den Laden.



Es ist immer wieder interessant zu beobachten, wenn Gläubige Menschen ihre Religion selbst entlarven. Hier war die Situation etwas anders als bei unserer ehemaligen CVJM-Nachbarin, die unter keinen Umständen ihren Glauben verlieren wollte.

Ich weiß nicht ob unserem Teehändler bewußt wurde ob er seinen Glauben schon lange verloren hatte.

Ich halte ihn für einen Menschen der an den Aspekten seiner Religion festhält die ihm Freude bereiten. Ähnlich den Weihnachtsfestchristen.


In diesem Sinne ...

... war es ein höchst interessantes Gespräch. :herz:
Ich bin definitiv keine Christenversteherin!
Benutzeravatar
Rebecca E.
Assimiliert
 
Beiträge: 5546
Registriert: 28.12.2003, 18:33
Wohnort: Diese Stadt gibt es nicht.

Beitragvon Critic » 08.06.2008, 01:54

Der Gläubige könnte aber auch fragen, in wieweit denn die genannten Merkmale - Misogynie, Kastensystem, arrangierte Hochzeiten - wirklich das Wesen der Religion definieren, ob also ein Hindu, der daran nicht festhält, tatsächlich kein Hindu mehr ist. Hält Dein Teehändler sich selbst für einen gläubigen Hindu, obwohl er diese Punkte schon kritisiert, dann sieht er das nicht so.
Critic
Vorsichtig
 
Beiträge: 50
Registriert: 04.12.2004, 00:47

Beitragvon Maude » 09.06.2008, 08:16

tja, nicht jedem fällt es auf, wenn er über seine Religion spricht :?
doch das sind ja auch extrem inhumane Praktiken, die der Hinduismus (oder soll ich sagen, die machtführenden Männer der Religionen allgemein) so hervorbringt.

mit den Christen kann man da fast nicht diskutieren.
das haben Assunta, Wolf und ich am Wochenende beim Street-life-Festival wieder feststellen müssen.
selbst eine Religionslehrerin blendete das Brutale der Bibel aus und meinte, man kann das den Kindern auch so erklären, dass es logisch und nicht brutal rüberkommt :shock:
als sie merkte, dass sie sich in eine Sackgasse redete, wurde sie immer unsicherer und machte sich schnell aus dem Staub. 8-)
da merkt man wieder, was für ein oberflächliches Wissen selbst ReligionslehrerInnen haben.
Hunde haben Herrchen, Katzen haben Personal
Ralf Schmitz
Benutzeravatar
Maude
die rosane, nein lieber lila, ...
 
Beiträge: 5362
Registriert: 26.07.2004, 06:51
Wohnort: am Stadtrand von München

Beitragvon Rebecca E. » 10.06.2008, 14:02

@Maude.

Aber immerhin ist es eine Gesprächsstrategie, die die Gläubigen dazu ermuntert ihren Verstand zu gebrauchen.

Ob sie dann Agnostikerschwelle übertreten ist dann ihre "freie" Wahl. :twisted:

:maso:
Ich bin definitiv keine Christenversteherin!
Benutzeravatar
Rebecca E.
Assimiliert
 
Beiträge: 5546
Registriert: 28.12.2003, 18:33
Wohnort: Diese Stadt gibt es nicht.

Beitragvon Pleitegeier » 10.06.2008, 19:15

Rebecca E. hat geschrieben:Aber immerhin ist es eine Gesprächsstrategie, die die Gläubigen dazu ermuntert ihren Verstand zu gebrauchen.


Es ist geschickt, den Gläubigen die Konsequenzen Ihres Glaubens selbst vorführen zu lassen. Manchmal ist es aber schwer, den Verstand zu finden...
Benutzeravatar
Pleitegeier
Mutig
 
Beiträge: 754
Registriert: 02.02.2005, 20:48
Wohnort: Oberbayern

Beitragvon Rebecca E. » 10.06.2008, 19:32

@Pleitegeier.

Pleitegeier hat geschrieben:Es ist geschickt, den Gläubigen die Konsequenzen Ihres Glaubens selbst vorführen zu lassen. Manchmal ist es aber schwer, den Verstand zu finden...


Also im oben genannten Fall ging das recht einfach.

Einfach etwas finden, wo man den religiösen Bezug nicht leugnen kann und was alle vernunftbegabten Personen ablehnen.

:oops:
Ich bin definitiv keine Christenversteherin!
Benutzeravatar
Rebecca E.
Assimiliert
 
Beiträge: 5546
Registriert: 28.12.2003, 18:33
Wohnort: Diese Stadt gibt es nicht.

Beitragvon Maude » 11.06.2008, 07:29

da müßtest Du Vernunfbegabung bei den Menschen voraussetzen 8-)
die fehlt jedoch selbst bei intelligenten, gläubigen Menschen oft. :evil:
Hunde haben Herrchen, Katzen haben Personal
Ralf Schmitz
Benutzeravatar
Maude
die rosane, nein lieber lila, ...
 
Beiträge: 5362
Registriert: 26.07.2004, 06:51
Wohnort: am Stadtrand von München

Beitragvon Rebecca E. » 11.06.2008, 10:09

@Maude.

Ich schrieb extra: Vernunftbegabt

Das bedeutet nicht das diese Menschen vernünftig handeln. :oops:

Selbst die Katzen die bei uns leben sind Personen die Vernunftbegabt sind und auch manchmal in unserem Sinne vernünftig handeln (aus Katzensicht handeln sie selbstverständlich immer richtig und vernünftig).


Vernunftbegabt war also schon eine verbale Spitzfindigkeit. 8-)
Ich bin definitiv keine Christenversteherin!
Benutzeravatar
Rebecca E.
Assimiliert
 
Beiträge: 5546
Registriert: 28.12.2003, 18:33
Wohnort: Diese Stadt gibt es nicht.

Beitragvon odeon » 14.06.2008, 19:44

da merkt man wieder, was für ein oberflächliches Wissen selbst ReligionslehrerInnen haben


Die Religionslehrer haben nicht direkt ein oberflächliches Wissen. Sie haben das zu wissen, was die Kirche beim Erteilen der Missio canonica von ihnen verlangt. Und das ist eben nicht immer das, was der Wahrheit entspricht - sieht man von der kirchlichen Variante der Wahrheit einmal ab. Und das übeträgt sich dann auch auf die armen Kinder, die in dieses "Unterrichtsfach" geschickt werden. Die Eltern kümmern sich kaum um religöse Dinge, so dass die Schule voll indoktrinieren kann.

Wissen ist da unwichtig. Das ist nichts weiter als "staatlich finanzierte Katechese" (copyright Th. Häntsch)

Und außerdem...ach was könnte man darüber alles noch schreiben....

Bis neulich
Odeon
ICH BIN NICHT MEINER ZUNGE HIRTE.
WARUM SOLL ICH SIE DANN HÜTEN?
©Thomas Häntsch
www.fotologie-website.de
odeon
Zögerlich
 
Beiträge: 23
Registriert: 18.04.2008, 16:23
Wohnort: Fast in Holland

Beitragvon Darklord Extropy » 14.06.2008, 19:51

Hab da andere Erfahrungen gemacht. :roll:

War ja früher auch der Religionsfresser #1 und zomgwtf, etc...

Heute, mein bester Freund und ständiger Begleiter draußen, im wilden Dschungel, ist gläubiger, fundamentalistischer, liberaler Christ, der mich schon des Öfteren als "Heiligen" und als "Engel" bezeichnet hat, etc...

Er weiß, daß ich früher ein Atheistenfundi war und mich heute dem Konstruktivismus und dem metaphorischen Utilitarismus zugewandt habe - aber dafür betet er halt zu Jesus und lebt trotzdem offen polyamourös. :lol:

Ist eigentlich lustig, wie gut der Mann reframen kann, als wir uns kennenlernten (er hat mich in einem Forum angeschrieben von wegen "zomg ich suche einen Wingman für Wien") meinte ich "hm, weißt, ich bin ja eher so der Eunoier (also "I trust the universe to supply my abundance and prosperity", wenn man so will auch als "I trust the universe to supply my abundance of pussy", falls man eher utilitaristisch veranlagt ist).

Er darauf: "oh ja, das kenne ich, Gott macht sowas mit uns auch, etc, etc..."

Warum auch nicht. :D

Ja, es gibt das Gute in der Religion. DIE Realität im Sinne einer objektiven Wahrheit gibt es nicht, weil es immer vom Standpunkt (vom "Frame", wie wir NLP'ler sagen) abhängt, was gerade real ist.

Für einen Menschen, der Jesus und Gott als real befreiend erlebt hat macht das, was der fundamentalistische Atheismus predigt einfach keinen Sinn.

Man kann ja Wertearbeit betreiben, aber jedes "Leading" beginnt mit dem "Pacing" - soll heißen, daß es ein dreistufiger Prozess ist:

1. Pacing - man akzeptiert die Realität des Gegenübers

Beispiel:

"Hm ja, Du glaubst also, daß Religion einen guten Kern hat, das mag sicher stimmen."

2. Outing - man kommt überein, daß es Gemeinsamkeiten gibt

"Siehst, im Grunde genommen sind wir gar nicht so verschieden."

3. Leading - man übernimmt die Führung

"Hey, wußtest Du, daß die Hindus heute noch Witwen verbrennen?"

---

Die Frage ist, was will man erreichen, was ist der WERT hinter dem Bedürfnis, dem anderen die Religion unschmackhaft zu machen?

Geht es um atheistische Missionierung?

Möglich, aber das ist noch kein Wert an und für sich...

Der Wert dahinter kann aber durchaus sein, eine bessere, lebenswertere Welt für alle Menschen zu haben, daraus ergeben sich aber neue, bessere Ansätze.

Weltanschauungen und Religionen sind die Grundierung der Leinwand, auf der der Anhänger und Gläubige dann seine Werte malt.

Pol Pot war ein Atheist, hat genauso Massenmorde begangen wie die katholische Kirche, aber es wäre denkbar, daß es sogar so etwas wie anständige, wohlmeinende Kummerl gibt, genauso wie mein bester Freund ein anständiger, wohlmeinender Katholik ist.

---

Seit ich mein Leben nicht mehr in relativer Abgeschiedenheit friste sondern draußen bin bei meinen Mitmenschen und viel Sozialkontakt habe (noch vor einem Jahr war ich eigentlich den größten Teil meiner Freizeit mehr oder minder allein, inzwischen ists so, daß ich mir aktiv eine Auszeit nehmen muß für 1 oder 2 Tage pro Woche, wo ich mal zuhause sitzen und Eve zocken oder ähnliches tun kann) habe ich viele meiner Werte und Einstellungen überdacht.

Das da draußen ist, man mag es als Atheist in seinem intellektualistischen Elfenbeinturm nicht glauben, eine irrsinnig bunte und aufregende Welt... da gibts so viele verschiedene Dinge und Menschen zu erfahren.

Roman Braun, den ich vor kurzem erlebt habe, hat es sogar so formuliert:

"Das Einzige, was das Leben lebenswert macht, ist der andere Mensch, darum hat Nelson Mandela die 28 Jahre Einzelhaft nur überlebt, weil er seine Fantasie benutzt hat, um den Sozialkontakt zu anderen Menschen zu simulieren."

Und dann ist man so kleinlich und mißt den Wert eines Menschen an einer Oberflächlichkeit wie "Religion" oder "Weltanschauung"?

Ja, mea culpa, ich hab den gleichen Fehler gemacht.
Benutzeravatar
Darklord Extropy
Involviert
 
Beiträge: 360
Registriert: 28.04.2008, 20:53


Zurück zu Weltanschauungen und Religionen

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

cron